BGH, Urteil vom 23. Oktober 1985 – VIII ZR 210/84

§ 276 BGB, § 13 Abs 2 GmbHG

a) Ein Vertreter kann für ein Verschulden bei Vertragsverhandlungen selbst haften, wenn er in besonderem Maße persönliches Vertrauen in Anspruch genommen hat oder die Vertragsverhandlungen maßgeblich beeinflußt und aus dem Geschäftsabschluß eigenen wirtschaftlichen Nutzen erstrebt hat.

Gleichwohl kann ausnahmsweise auch ein Vertreter für ein Verschulden bei Vertragsverhandlungen dann haften, wenn er in besonderem Maße persönliches Vertrauen in Anspruch genommen hat o d e r   dem Verhandlungsgegenstand besonders nahe steht, weil er wirtschaftlich selbst stark an dem Vertragsabschluß interessiert ist und aus dem Geschäft eigenen Nutzen erstrebt. An dieser schon vom Reichsgericht (RGZ 120, 249, 252 f; 143, 219, 222 f; 159, 33, 54 f) entwickelten und vom Bundesgerichtshof (vgl. die Senatsurteile vom 10. Juni 1964 – VIII ZR 294/62 = WM 1964, 916, 918; vom 5. April 1967 – VIII ZR 82/64 = WM 1967, 481; vom 15. November 1967 – VIII ZR 100/65 = WM 1968, 5; vom 22. April 1981 – VIII ZR 34/80 = WM 1981, 876, 877; ferner BGHZ 14, 313, 318; 56, 81, 83) fortgeführten Rechtsprechung über die haftung des Vertreters bei wirtschaftlicher Eigenbeteiligung ist trotz im Schrifttum verschiedentlich geäußerter Bedenken (z.B. Stoll JW 1928, 1285 f; Ballerstedt AcP 151, 501, 502, 524 f; Canaris VersR 1965, 114, 118; Müller NJW 1969, 2169, 2170 f; Rehbinder, Konzernaußenrecht und allgemeines Privatrecht, 1969, S. 336 ff; Esser/E.Schmidt, Schuldrecht, Bd. 1 Teilbd. 2, 5. Aufl., § 29 II 2.3.1 S. 100; Schanze, Einmanngesellschaft und Durchgriffshaftung, 1975, S. 108; Schulze JuS 1983, 81, 82) festgehalten worden.

b) Die Beteiligung des Gesellschafters und Geschäftsführers einer GmbH an der von ihm vertretenen Gesellschaft reicht allein nicht aus, um seine Haftung aus Verhandlungsverschulden wegen unmittelbaren wirtschaftlichen Eigeninteresses zu begründen.

Sowohl der erkennende Senat (Urteile vom 19. Dezember 1962 – VIII ZR 216/61 = WM 1963, 160, 161; vom 27. Oktober 1982 – VIII ZR 187/81 = WM 1982, 1322 f und BGHZ 87, 27, 32 f; für die KG vgl. Urteil vom 25. Januar 1984 – VIII ZR 227/82 = WM 1984, 475, 477) als auch andere Senate des Bundesgerichtshofs (Urteile vom 3. November 1976 – I ZR 156/74 = WM 1977, 73, 75 f; vom 5. Juli 1977 – VI ZR 268/75 = VersR 1978, 59, 60; vom 4. Mai 1981 – II ZR 193/80 = WM 1981, 1021, 1022; vgl. auch BAG AP GmbHG § 13 Nr. 1) haben diesen Grundsatz – je nach Sachlage mit unterschiedlichem Ergebnis – auch in Fällen angewendet, in denen es um die Vertreterhaftung von (Allein-) Gesellschaftern und/oder (Allein-) Geschäftsführern einer GmbH ging. Auch die hiergegen erhobenen Bedenken (vor allem von Ulmer NJW 1983, 1577, 1579 und Brandner, Festschrift für Winfried Werner, 1984, S. 53, 59, 62, 64; zurückhaltend auch Wiedemann NJW 1984, 2286 f; zustimmend dagegen z.B. MünchKomm-Emmerich, BGB, 2. Aufl., Rdn. 82 vor § 275; Emmerich JuS 1983, 630, 631; Alff in: BGB-RGRK, 12. Aufl., § 276 Rdn. 108; Hachenburg/Mertens, GmbH-Gesetz, 7. Aufl., § 13 Anh. I Rdn. 53, § 35 Rdn. 282; Mertens in Anm. zu BAG AP GmbHG § 13 Nr. 1; Scholz/Winter, GmbH-Gesetz, 6. Aufl., § 13 Rdn. 34; im Prinzip auch Scholz/Uwe Schneider aaO § 43 Rdn. 223 ff, 226; weitergehend noch MünchKomm-Roth aaO § 242 Rdn. 194 f) sind kein Grund, diese Rechtsprechung aufzugeben. Zwar läßt sich in den Fällen wirtschaftlichen Eigeninteresses des Vertreters dessen Haftung nicht mit einer besonderen Vertrauensbeziehung zum Verhandlungspartner begründen. Demjenigen, der bei von ihm maßgeblich beeinflußten Verhandlungen seinen eigenen wirtschaftlichen Nutzen in einer Weise verfolgt, als sei er gleichsam „in eigener Sache“ tätig, muß es dennoch nach dem Grundsatz von Treu und Glauben verwehrt sein, sich auf seine Unzuständigkeit zu berufen, wenn er bei den Vertragsverhandlungen einen für den anderen Teil schädlichen Fehler begangen hat (so zutreffend Brandner aaO S. 61; zu dem Gesichtspunkt des § 242 BGB vgl. auch schon BGHZ 14, 313, 318 und BGH Urteil vom 4. Dezember 1958 – II ZR 168/57 = LM BGB § 276 (Fa) Nr. 4 unter IV). Es kann auch nicht zugegeben werden, daß die Eigenhaftung des Vertreters stets in Widerspruch zu dem in der GmbH geltenden Haftungssystem steht und zu unabsehbaren persönlichen Haftungsrisiken des Gesellschafters/Geschäftsführers führt. Denn es geht nicht um eine – durch § 13 Abs. 2 GmbHG ausgeschlossene – haftung des Gesellschafters/Geschäftsführers für Verbindlichkeiten der Gesellschaft, sondern um eine persönliche HaftungBitte wählen Sie ein Schlagwort:
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aus eigenem Verschulden (vgl. schon Senatsurteil vom 5. April 1967 aaO WM 1967, 481 unter II 1). Unübersehbar ist das Haftungsrisiko deswegen nicht, weil als Voraussetzungen einer Haftung der maßgebliche Einfluß auf die Vertragsverhandlungen und das besondere und – wie noch zu zeigen sein wird (unten c) – nicht allein aus der Beteiligung an der GmbH abzuleitende Eigeninteresse des Vertreters vorliegen müssen. Der erkennende Senat sieht sich auch nicht in Widerspruch zu der Rechtsprechung des II. Zivilsenats des Bundesgerichtshofs. Der Revision ist zwar einzuräumen, daß der II. Zivilsenat, der den Grundsatz der haftung des Vertreters bei Eigeninteresse, soweit ersichtlich, erstmals auf einen (dort allerdings offenbar rechtsgeschäftlich bevollmächtigten) Vertreter einer GmbH übertragen (Urteil vom 4. Dezember 1958 aaO) und ihn auch später noch mehrfach bekräftigt hat (Urteil vom 4. Mai 1981 – II ZR 193/80 = WM 1981, 1021, 1022; für die KG vgl. Urteil vom 14. Dezember 1972 – II ZR 82/70 = LM HGB § 132 Nr. 3), in einigen jüngeren Entscheidungen nur noch den Fall der Eigenhaftung wegen Inanspruchnahme besonderen Verhandlungsvertrauens erwähnt (z.B. Urteile vom 14. November 1983 – II ZR 184/82 = WM 1984, 127, 128; vom 28. November 1983 – II ZR 72/83 = WM 1984, 221; vom 2. April 1984 – II ZR 122/83 = WM 1984, 766; vom 17. Mai 1984 – II ZR 275/83 und 199/83 = WM 1984, 960, 961; vom 21. Mai 1984 – II ZR 83/84 = WM 1984, 889), wobei es um die haftung des Geschäftsführers oder eines Angestellten oder selbständigen Handelsvertreters einer GmbH für die Verletzung von Aufklärungspflichten beim Vertrieb von Warenterminoptionen ging und der Vertreter k e i n e n maßgeblichen Einfluß auf die Vertragsverhandlungen genommen hatte (dazu auch Bundschuh WM 1985, 249, 251). Daß der II. Zivilsenat damit seine eigene und die Rechtsprechung anderer Senate des Bundesgerichtshofs zur – unter bestimmten Voraussetzungen denkbaren – haftung des an einer GmbH Beteiligten wegen wirtschaftlichen Eigeninteresses grundsätzlich aufgeben wollte, läßt sich den angeführten Entscheidungen nicht entnehmen.

Ein bloß mittelbares wirtschaftliches Interesse des Vertreters am Abschluß des Vertrages – etwa das Provisionsinteresse des Handelsvertreters, Prokuristen oder sonstigen Angestellten (BGHZ 56, 81, 83 f; 88, 67, 70; BGH UrteileBitte wählen Sie ein Schlagwort:
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vom 27. September 1965 – VII ZR 210/63 = WM 1965, 1288; vom 26. Januar 1971 – VI ZR 152/69 = WM 1971, 498, 499; vom 17. März 1976 – VIII ZR 208/74 = WM 1976, 614; vom 22. April 1981 aaO WM 1981, 876, 877; vom 14. November 1983 aaO WM 1984, 127, 128; vom 17. Mai 1984 aaO = WM 1984, 960, 961) oder das ganz allgemeine Interesse, das jeder Gesellschafter an den Geschäften „seiner“ GmbH hat (Senatsurteil vom 25. Januar 1984 aaO WM 1984, 475 unter V 1 b), – reicht allerdings für die Begründung seiner Eigenhaftung nicht aus. Erforderlich ist vielmehr eine so enge Beziehung zum Gegenstand der Vertragsverhandlungen, daß der Vertreter als eine Art „procurator in rem suam“ (RGZ 120, 249, 253) wirtschaftlich gleichsam in eigener Sache beteiligt ist (BGHZ 56, 81, 83 f; Senatsurteil vom 25. Januar 1984 aaO). Der Senat ist davon mehrfach in Fällen ausgegangen, in denen der Vertreter alleiniger Geschäftsführer und Allein- oder Mehrheitsgesellschafter einer GmbH war (Urteile vom 27. Oktober 1982 aaO WM 1982, 1322 f und BGHZ 87, 27, 34), wobei freilich in dem einen Fall (WM 1982, 1323) dieser Annahme die von der Revision nicht beanstandeten Feststellungen des Berufungsgerichts zugrunde lagen und in dem anderen Fall (BGHZ 87, 34) besondere Umstände für ein Eigeninteresse des Vertreters sprachen. Nach erneuter Überprüfung erscheint gleichwohl die Klarstellung veranlaßt, daß allein die maßgebliche oder auch beherrschende Beteiligung des Vertreters an der von ihm vertretenen GmbH noch nicht ausreicht, um eine Haftung wegen unmittelbaren wirtschaftlichen Eigeninteresses annehmen zu können. Es läßt sich zwar nicht leugnen, daß der Gesellschafter einer GmbH, dem der Jahresgewinn der Gesellschaft ganz oder teilweise zufließt (§ 29 GmbHG), rein tatsächlich ein nicht nur mittelbares Interesse am Abschluß eines günstigen Vertrages für die GmbH hat. Im Rechtssinne aber genügt dieses aus der Beteiligung an der Gesellschaft hergeleitete persönliche Interesse zur Begründung einer Eigenhaftung des Vertreters nicht. Denn würde allein aus der Stellung des (Allein-) Gesellschafters/ Geschäftsführers das wirtschaftliche Eigeninteresse und damit die haftung des Vertreters abgeleitet, so hätte dies einen Wertungswiderspruch zu der in der GmbH geltenden Haftungsordnung (§ 13 Abs. 1 und 2 GmbHG) zur Folge, die die Stellung des (Allein-) Gesellschafters und Geschäftsführers für sich genommen noch nicht als Haftungsgrund ausreichen läßt. Das zeigt sich besonders deutlich am Beispiel der Einmann-GmbH, bei der der handelnde Alleingesellschafter andernfalls stets für ein Verschulden bei Vertragsschluß auch persönlich haften würde, obwohl nach allgemeiner Ansicht auch bei der Einmann-Gesellschaft den Gläubigern grundsätzlich nur die GmbH mit dem Gesellschaftsvermögen und nicht auch der Gesellschafter haftet (Senatsurteile vom 26. November 1957 – VIII ZR 301/56 = WM 1958, 460, 461 und vom 4. Mai 1977 = BGHZ 68, 312, 314) und der Gesichtspunkt der wirtschaftlichen Einheit allein eine Durchbrechung des Trennungsprinzips nicht rechtfertigt (z.B. Baumbach/Hueck, GmbH-Gesetz, 14. Aufl., § 1 Rdn. 55). Auch das Zurückgreifen auf den Grundsatz von Treu und Glauben (oben II 1 b) vermag hier eine Eigenhaftung des Vertreters nicht zu begründen. Ist nämlich das eigene Interesse, das der Gesellschafter/Geschäftsführer an dem Abschluß und der Durchführung des Vertrages hat und das ihm verbietet, sich auf seine Unzuständigkeit zu berufen, identisch mit demjenigen der GmbH, so folgt wiederum aus Sinn und Zweck des § 13 Abs. 2 GmbHG, daß er wegen dieses Interesses allein noch nicht haftbar gemacht werden kann.

Schlagworte: Alleingesellschafter, Außenhaftung, eigenes wirtschaftliches Interesse, Eigeninteresse, Haftung aus Verschulden bei Vertragsschluss

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