BGH, Urteil vom 31. Mai 2010 – II ZR 30/09

BGB §§ 311, 280; ZPO § 287

a) Wird in dem Emissionsprospekt eines geschlossenen Immobilienfonds erklärt, die dort prognostizierte, für die Rentabilität des Fonds maßgebliche künftige Entwicklung der Mieten beruhe „auf Erfahrungswerten der Vergangenheit“, obwohl den Prospektverantwortlichen keine Erkenntnisse darüber vorlagen, dass in der Vergangenheit bei vergleichbaren Objekten unter entsprechenden äußeren Umständen Mietzuwächse in der prognostizierten Höhe erzielt werden konnten, rechtfertigt das die Annahme eines zur Haftung wegen Verschuldens bei Vertragsschluss führenden Prospektfehlers.

b) Für die Beurteilung, ob ein Emissionsprospekt unrichtig oder unvollständig ist, ist auf das Gesamtbild abzustellen, das er dem Anleger vermittelt (BGH, Sen.Urt. v. 12. Juli 1982 – II ZR 175/81, ZIP 1982, 923, 924; Urt. v. 28. Februar 2008 – III ZR 149/07, VuR 2008, 178 Tz. 8).

c) Ein Anleger muss sich im Wege des Vorteilsausgleichs die im Zusammenhang mit der Anlage erzielten, dauerhaften Steuervorteile auf seinen Schaden anrechnen lassen, sofern nicht die Ersatzleistung ihrerseits, etwa als Betriebseinnahme nach § 15 Abs. 1 Satz 1 Nr. 2 EStG, der Besteuerung unterliegt (Senat, BGHZ 159, 280, 294; 74, 103, 114 ff.; 53, 132, 138; BGH, Sen.Urt. v.7. Dezember 2009 – II ZR 15/08, ZIP 2010, 176 Tz. 31; v. 3. Dezember 2007 – II ZR 21/06, ZIP 2008, 412 Tz. 27; v. 29. November 2004 – II ZR 6/03, ZIP 2005, 254, 257; v. 14. Januar 2002 – II ZR 40/00, DStR 2002, 778, 779; BGH, Urt. v. 17. November 2005 – III ZR 350/04, ZIP 2006, 573 Tz. 8; Urt. v. 6. März 2008 – III ZR 298/05, ZIP 2008, 838 Tz. 28; Beschl. v. 9. April 2009 – III ZR 89/08, BeckRS 2009, 11192 Tz. 10). Trotz Versteuerung der Ersatzleistung sind die erzielten Steuervorteile demgegenüber aber anzurechnen, wenn Anhaltspunkte dafür bestehen, dass der Anleger derart außergewöhnliche Steuervorteile erzielt hat, dass es unbillig wäre, ihm diese zu belassen (st. Rspr., z.B. BGH, Sen.Urt. v. 9. Oktober 1989 – II ZR 257/88, WM 1990, 145, 148; v. 14. Juli 2003 – II ZR 202/02, ZIP 2003, 1651, 1654; Urt. v. 12. Februar 1986 – IVa ZR 76/84, ZIP 1986, 562, 565; v. 17. November 2005 – III ZR 350/04, ZIP 2006, 573 Tz. 8; v. 6. März 2008 – III ZR 298/05, ZIP 2008, 838 Tz. 28; Beschl. v. 9. April 2009 – III ZR 89/08, BeckRS 2009, 11192 Tz. 10; Urt. v. 19. Juni 2008 – VII ZR 215/06, WM 2008, 1757 Tz. 13, Urteil vom 7. Dezember 2009 – II ZR 15/08, ZIP 2010, 176).

d) Die sukzessive Absenkung des Einkommensteuerspitzensatzes von 53 % im Jahr der Zeichnung auf 45 % zum Zeitpunkt des Schadensersatzverlangens begründet für sich genommen keine hinreichenden Anhaltspunkte für solche außergewöhnlichen, dem geschädigten Anleger verbleibenden Steuervorteile, die es ausschließen würden, ihm die in der höchstrichterlichen Rechtsprechung anerkannte, auf § 287 ZPO gestützte pauschalierende Betrachtungsweise von Steuervorteilen und Steuernachteilen zugute kommen zu lassen mit der Folge, dass eine konkrete Berechnung der mit der Anlage verbundenen Steuervorteile vorzunehmen wäre.

Schlagworte: Anlageberatung und Prospekthaftung, cic-Haftung, culpa in contrahendo, geschlossener Immobilienfonds, Publikumsgesellschaft, Publikumspersonengesellschaft, Schadensersatzanspruch, Schadenshöhe, Verkaufs- Fondsprospekt

Kommentieren ist momentan nicht möglich.