BGH, Urteil vom 4. Juni 2013 – II ZR 207/10

BGB §§ 138, 705

a) Ein die Annahme der Sittenwidrigkeit hinderndes wirtschaftliches Eigeninteresse des Sicherungsgebers ist grundsätzlich anzunehmen, wenn der nicht nur unbedeutend beteiligte Gesellschafter einer kreditsuchenden Gesellschaft mit beschränkter HaftungBitte wählen Sie ein Schlagwort:
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oder Kommanditgesellschaft für die Gesellschaft bürgt (vgl. BGH, Urteil vom 10. Dezember 2002 – XI ZR 82/02, ZIP 2003, 288, 289; Urteil vom 17. September 2002 – XI ZR 306/01, ZIP 2002, 2249, 2251).

b) Anders verhält es sich, wenn der Gesellschafter für den Kreditgeber klar ersichtlich lediglich die Funktion eines Strohmanns ohne eigene wirtschaftliche Interessen und finanzielle Beteiligung wahrnimmt und die Stellung eines Gesellschafters nur aus persönlicher Verbundenheit mit einer die Gesellschaft wirtschaftlich beherrschenden Person übernommen hat (vgl. BGH, Urteil vom 18. Dezember 1997 – IX ZR 271/96, BGHZ 137, 329, 337; Urteil vom 18. September 2001 – IX ZR 183/00, ZIP 2001, 1954, 1955; Urteil vom 17. September 2002 – XI ZR 306/01, ZIP 2002, 2249, 2251). Ein eigenes finanzielles Interesse an der Gesellschaftsbeteiligung fehlt dem Gesellschafter, wenn er seinen Anteil treuhänderisch hält und die Erträge aus der Gesellschafterstellung nach § 667 BGB an den Treugeber abzuführen hat (vgl. BGH, Urteil vom 18. Dezember 1997 – IX ZR 271/96, BGHZ 137, 329, 337).

c) Die im Gesellschaftsvertrag einer Gesellschaft bürgerlichen RechtsBitte wählen Sie ein Schlagwort:
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begründete Verpflichtung einer nicht leistungsfähigen Gesellschafterin zur Rückzahlung erheblicher Beträge, die der andere Gesellschafter einlegt und die vereinbarungs-gemäß dem im Interesse der GesellschaftBitte wählen Sie ein Schlagwort:
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tätigen Ehemann der Gesellschafterin zufließen, ist nicht sittenwidrig, wenn die Ehefrau aufgrund ihrer Gesellschafterstellung ein adäquates wirtschaftliches Eigeninteresse an der mit den Zahlungen verbundenen Förderung des Gesellschaftszwecks hat.

d) Der Gesellschaftsvertrag einer Gesellschaft bürgerlichen RechtsBitte wählen Sie ein Schlagwort:
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kann eine Ungleichbehandlung der Gesellschafter wirksam vorsehen (BGH, Urteil vom 27. September 1965 – II ZR 186/63, WM 1965, 1284, 1286; MünchKommBGB/Ulmer/Schäfer, 5. Aufl., § 705 Rn. 247). Die Verlustbeteiligung einzelner Gesellschafter kann beschränkt oder ganz ausgeschlossen werden (BGH, Urteil vom 26. Januar 1967 – II ZR 127/65, WM 1967, 346, 347; MünchKommBGB/Ulmer/Schäfer, 5. Aufl., § 722 Rn. 3, 5). Die Grenze zur Sittenwidrigkeit wird erst bei einer groben Ungleichbehandlung der Gesellschafter unter Ausnutzung der wirtschaftlichen Vormachtstellung des einen oder des Vertrauens und der Unerfahrenheit des anderen Teils überschritten (vgl. MünchKommBGB/Ulmer/Schäfer, 5. Aufl., § 705 Rn. 134). Diese Voraussetzungen können beispielsweise bei einem auffälligen Missverhältnis zwischen dem tatsächlichen Wert einer Einlage und dem hierfür vereinbarten Wertansatz erfüllt sein, sofern weitere Umstände wie eine verwerfliche Gesinnung des Begünstigten hinzutreten (vgl. BGH, Urteil vom 5. Dezember 1974 – II ZR 24/73, WM 1975, 325, 327; Urteil vom 9. Mai 1988 – II ZR 247/87, WM 1988, 1370, 1373).

e) Die Beurteilung der Sittenwidrigkeit gesellschaftsvertraglicher Regelungen erfordert eine Gesamtwürdigung unter Einbeziehung aller relevanten Umstände, die zur Zeit des Vertragsschlusses gegeben sind (vgl. BGH, Urteil vom 9. Mai 1988 – II ZR 247/87, WM 1988, 1370, 1373; Urteil vom 5. Mai 2003 – II ZR 112/01, ZIP 2003, 1442).

Schlagworte: Bürgschaft, Dritte als Leistungsempfänger, Eigeninteresse, Gesamtwürdigung, Gesellschafter, Gesellschaftsvertrag, Gleichbehandlung, Sittenwidrigkeit, Treuhänder

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